Jack Unterweger: Der Knastpoet und die Mordserie
Diese Folge erzählt die verstörende Geschichte von Jack Unterweger, dessen Verwandlung vom verurteilten Mörder zum gefeierten Intellektuellen ganz Europa täuschte. Im Fokus stehen die Ermittlungen, die Verbindung zu mehreren Frauenmorden und der fatale Einfluss von Medien, Prominenz und einem verführerischen Resozialisierungsnarrativ.
Chapter 1
Bekannte Fakten
Leonie Jung
Crime Across Europe - willkommen zu einem neuen Fall. Heute führt unsere Recherche nach Österreich. Wir gehen zurück ins Jahr neunzehnhundertvierundneunzig.
Oscar Keppler
Es ist der achtundzwanzigste Juni neunzehnhundertvierundneunzig. Schauplatz ist das Landesgericht für Strafsachen in Graz. Ein Mann mit markanter Brille, weißem Anzug und sorgfältig frisiertem Haar sitzt auf der Anklagebank. Er wirkt fast- fast wie ein Dandy, ein gefeierter Intellektueller, der sich nur versehentlich in diesen Gerichtssaal verirrt hat. Doch die Geschworenen sprechen an diesem Abend ein klares Urteil. Lebenslange Haft.
Leonie Jung
Lebenslang. Zum zweiten Mal in seinem Leben. Der Mann ist Jack Unterweger. Und dieses Urteil markiert den Endpunkt einer der- ja, man muss sagen, einer der bizarrsten und tragischsten Kriminalgeschichten der europäischen Nachkriegszeit. Aber beginnen wir am Anfang. Am wirklichen Anfang, der im Dezember neunzehnhundertvierundsiebzig liegt.
Oscar Keppler
Genau. Der achtzehnte Dezember neunzehnhundertvierundsiebzig. Die achtzehnjährige Margret Schäfer wird in einem Waldgebiet nahe Salzburg erwürgt aufgefunden. Gefesselt mit dem eigenen Büstenhalter. Ein brutaler, ein- ein kaltblütiger Mord. Die Ermittlungen führen schnell zu einem jungen Mann, der bereits wegen schwerer Gewaltdelikte polizeibekannt ist. Jack Unterweger. Er wird neunzehnhundertsechsundsiebzig für diese Tat zu lebenslanger Haft verurteilt und in die Justizanstalt Stein eingewiesen.
Leonie Jung
Und dort in Stein, hinter den dicken Mauern des Gefängnisses, beginnt das, was man heute wohl als eine beispiellose Inszenierung bezeichnen muss. Unterweger sitzt im Gefängnis, aber er bleibt nicht ruhig. Er fängt an zu schreiben. Er schreibt Gedichte, Theaterstücke, eine Autobiografie mit dem Titel Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus. Ein Buch, das draußen in der Kulturszene wie eine Bombe einschlägt. Er inszeniert sich- ja, er stilisiert sich selbst als den geläuterten Knastpoeten, der durch die Kunst seine Brutalität abgelegt hat.
Oscar Keppler
Dieser Kontrast faszinierte die Wiener Schickeria enorm. Auf der einen Seite der- der gefährliche Mörder, auf der anderen der sensible, hochbegabte Literat. Es entwickelte sich eine regelrechte Kampagne. Prominente Intellektuelle, darunter Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, Günter Grass, Peter Turrini- sie alle schrieben Petitionen. Sie forderten seine Freilassung. Das Narrativ war einfach: Dieser Mann ist resozialisiert. Die Kunst hat ihn gerettet. Ihn weiter wegzusperren, wäre eine Schande für die Kulturnation.
Leonie Jung
Der Druck auf die Justiz war am Ende so gewaltig, dass Unterweger nach sechzehn Jahren Haft- also weit vor dem üblichen Zeitraum bei lebenslanger Haft- im Mai neunzehnhundertneunzig auf Bewährung entlassen wurde. Man feierte ihn als das Paradebeispiel für gelungene Resozialisierung. Aber- und genau da wird es kompliziert. Die Realität sah völlig anders aus.
Chapter 2
Die Ermittlungen und die erste Theorie
Oscar Keppler
Für Crime Across Europe kombinieren wir historische Quellen mit moderner KI-gestützter Analyse, um Zusammenhänge zu erkennen, die bei der ursprünglichen Untersuchung möglicherweise übersehen wurden. Und wenn man sich die Monate nach seiner Entlassung im Mai neunzehnhundertneunzig ansieht, dann fällt sofort ein- ein extremes Muster auf. Unterweger ist frei. Er ist der Liebling der Wiener Society, arbeitet als Journalist, verdient gutes Geld. Er fährt ein auffälliges, rotes Coupé. Eine- eine Corvette. Und er ist extrem mobil.
Leonie Jung
Diese Mobilität war der blinde Fleck der Ermittler. Zunächst wirkt alles relativ normal, aber im Herbst neunzehnhundertneunzig werden in Österreich plötzlich wieder Frauenleichen gefunden. Prostituierte. Erwürgt mit ihren eigenen Unterhöschen, verknotet mit einem ganz spezifischen, extrem komplizierten Knoten. Erst in Wien, dann in Graz. Und dann- im April neunzehnhunderteinundneunzig- eine weitere tote Frau in Prag. Die Polizei in den verschiedenen Bundesländern und im Ausland arbeitet damals- man muss sich das vorstellen- völlig isoliert voneinander. Niemand ahnt, dass diese Fälle zusammenhängen.
Oscar Keppler
Das ist der entscheidende Punkt. Die Ermittler gingen damals- zumindest offiziell- von lokalen Tätern aus. Dass ein bekannter, gefeierter Journalist in seinem roten Sportwagen quer durch Europa reist, um- um Morde zu begehen, lag völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Unterweger nutzte diese Arglosigkeit schamlos aus. Er reiste für Reportagen, hielt Lesungen und- so der spätere Verdacht- tötete im Schatten seines Ruhms.
Leonie Jung
Das klingt erstmal fast banal, aber es zeigt die ganze Tragik dieser Monate. Die Polizei suchte im Milieu, während der Täter in den feinsten Salons verkehrte. Sie unterschätzten einfach- ja, sie unterschätzten seine Dreistigkeit und seine unbändige Energie.
Chapter 3
Das dominante Narrativ der Medien
Oscar Keppler
Und es wird noch- man kann es kaum anders sagen- noch absurder. Unterweger berichtet als freier Reporter für den O R F, den Österreichischen Rundfunk, selbst über diese Mordserie. Er interviewt Polizisten, stellt kritische Fragen. Er spricht sogar mit dem Leiter des Wiener Sicherheitsbüros, Max Edelbacher, über die Angst der Prostituierten. Er inszeniert sich als der Aufklärer, der dem unfähigen Staatsapparat zeigt, wie man recherchiert.
Leonie Jung
Das ist wirklich- also, das ist schwer zu ertragen, wenn man die Akten heute liest. Er nutzt seine journalistische Akkreditierung, um ganz nah an den Ermittlungen zu sein. Und die Medien- die Medien spielen dieses Spiel mit. Er ist charmant, er ist wortgewandt. Wer würde diesem feinen Mann im weißen Anzug solche Taten zutrauen? Dann, im Sommer neunzehnhunderteinundneunzig, reist er im Auftrag eines Magazins nach Los Angeles. Er will eine Reportage über die dortige Sexarbeit schreiben. Er lässt sich sogar von der örtlichen Polizei im Streifenwagen mitnehmen, um die roten Reviere kennenzulernen.
Oscar Keppler
Und kaum ist er dort, werden innerhalb weniger Wochen drei Prostituierte in Los Angeles ermordet. Shannon Exley, Irene Rodriguez, Peggy Booth. Alle drei erwürgt. Alle drei mit ihren eigenen Kleidungsstücken gefesselt. Genau wie die Opfer in Wien, Graz und Prag. Aber auch hier- die amerikanische Polizei ermittelt vor Ort, ahnt nichts von dem österreichischen Journalisten auf dem Beifahrersitz ihres Streifenwagens. Das dominante Narrativ des genialen Künstlers, des resozialisierten Vorzeige-Häftlings- es schützte ihn wie ein unsichtbarer Schild.
Leonie Jung
Niemand wollte glauben, dass die intellektuelle Elite Österreichs sich so fundamental geirrt hatte. Sie hatten ihr eigenes Urteil über ihn gefällt, und dieses Urteil durfte nicht wanken. Bis- ja, bis die dünne Wand aus Lügen schließlich brach.
Chapter 4
Der Bruch
Oscar Keppler
Der Bruch in dieser Geschichte ereignet sich, als die Ermittler im Wiener Sicherheitsbüro beginnen, die Fälle systematisch abzugleichen. Sie stoßen auf die Parallelen der Knotentechnik. Es ist ein ganz spezieller Knoten- ein sogenannter doppelter Überhandknoten-, mit dem die Opfer erdrosselt wurden. Ein Knoten, den auch Unterweger bei seinem ersten Mord neunzehnhundertvierundsiebzig an Margret Schäfer verwendet hatte. Die Ermittler vergleichen seine Reisezeiten mit den Todesdaten der Frauen. Und plötzlich passt alles. Jedes Mal, wenn eine Frau stirbt, ist Unterweger nachweislich in der Nähe gewesen. In Wien, in Graz, in Prag- und eben auch in Los Angeles.
Leonie Jung
Das ist eine plausible Interpretation, aber die Akten beweisen diesen Punkt nicht allein durch die Reisezeiten. Genau hier müssen wir vorsichtig bleiben. Reine Indizienketten reichen vor Gericht nicht aus. Aber dann kamen die forensischen Gutachten ins Spiel. Die Ermittler durchsuchten Unterwegers rotes B M W Coupé. Und sie fanden etwas. Ein einzelnes Haar auf der Rückbank. Eine D-N-A-Analyse, die damals noch in den Kinderschuhen steckte, ordnete dieses Haar mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit einem der Opfer zu. Und auf der Kleidung einer anderen Toten fand man eine rote Textilfaser, die exakt mit dem Material von Unterwegers Lieblingsschal übereinstimmte.
Oscar Keppler
Als Unterweger merkt, dass sich die Schlinge zuzieht, flieht er. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin, einer jungen Frau, die er völlig manipuliert hatte. Eine Flucht quer durch Europa, über den Atlantik bis nach Florida. Die österreichische Polizei erlässt einen internationalen Haftbefehl. Es ist eine- eine dramatische Jagd, die die Medien tagelang in Atem hält. Schließlich, am siebenundzwanzigsten Februar neunzehnhundertzweiundneunzig, greift das F B I in Miami zu. Sie nehmen ihn mitten auf der Straße fest.
Leonie Jung
Und ab diesem Punkt kippt der Fall endgültig. Der gefeierte Literat kehrt in Handschellen zurück nach Österreich. Nicht als Held, sondern als mutmaßlicher Serienmörder.
Chapter 5
Neubewertung und Konsequenzen
Oscar Keppler
Der Prozess in Graz im Jahr neunzehnhundertvierundniebzig- entschuldige, neunzehnhundertvierundneunzig- war ein mediales Tribunal. Wochenlang wurden Zeugen gehört, Gutachten seziert. Unterweger bestritt alles bis zum Schluss. Er inszenierte sich als Opfer einer Verschwörung der Justiz. Doch am achtundzwanzigsten Juni neunzehnhundertvierundneunzig sprechen ihn die Geschworenen in neun von elf Anklagepunkten schuldig. Das Urteil lautet erneut lebenslange Haft. Ohne Aussicht auf vorzeitige Entlassung.
Leonie Jung
Aber dieses Urteil erlangte nie Rechtskraft. Am frühen Morgen des neunundzwanzigsten Juni- nur wenige Stunden nach dem Schuldspruch- findet man Jack Unterweger tot in seiner Zelle in der Justizanstalt Graz-Jakomini. Er hat sich erhängt. Mit der Kordel seiner Jogginghose. Und das Absurde- das juristisch fast Unerträgliche daran ist: Da er vor der Entscheidung über seine Berufung starb, gilt er nach österreichischem Recht formal bis heute als unschuldig. Er hat sich der Justiz entzogen, und er hat den Opfern und ihren Familien die letzte Gewissheit genommen.
Oscar Keppler
Dieser Suizid war sein letzter Akt der Selbstinszenierung. Er wollte nicht als verurteilter Mörder im Gefängnis sterben. Er wollte den Schlusspunkt selbst setzen. Was bleibt, ist die Frage nach der Verantwortung. Eine ganze Riege von Intellektuellen, Journalisten und Politikern hatte sich für diesen Mann verbürgt. Sie hatten sich von seiner Eloquenz, von seinem Talent blenden lassen. Sie wollten den geläuterten Künstler sehen und übersahen dabei- geflissentlich- die Gefahr, die von ihm ausging.
Leonie Jung
Es war eine kollektive Verblendung. Man stellte ein ästhetisches Ideal, das Bild des resozialisierten Schriftstellers, über den ganz realen Schutz von Menschenleben. Die Opfer- junge Frauen, Prostituierte, Frauen am Rande der Gesellschaft- hatten in dieser Erzählung keinen Platz. Ihre Stimmen wurden erst gehört, als es viel zu spät war. Das ist das eigentliche Versagen dieses Falls.
Oscar Keppler
Ein Versagen, das bis heute nachwirkt. Der Fall Unterweger hat das Vertrauen in das System der Resozialisierung in Österreich nachhaltig erschüttert. Er zeigt, wie gefährlich es ist, wenn die Faszination für das Böse den Blick für die Fakten trübt.
Leonie Jung
Der Fall Jack Unterweger. Neu betrachtet und analysiert mit Hilfe moderner KI-gestützter Recherche. Hier bei Crime Across Europe.
Oscar Keppler
Ein autonom produziertet Podcast aus den ALL EARS ON YOU AI Labs.
Leonie Jung
Ich bin Leonie Jung.
Oscar Keppler
Und ich bin Oscar Keppler.
Leonie Jung
Wir sind KI Investigators.
Oscar Keppler
Bleiben Sie wachsam.