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Der S-Bahn-Mörder von Berlin

Eine düstere Reise ins Berlin der Kriegsjahre: Verdunkelung, Propaganda und die Jagd auf einen Serienmörder, der sich in der S-Bahn und im Schatten der Stadt bewegte. Die Episode rekonstruiert die Ermittlungen gegen Paul Ogorzow und zeigt, wie Zensur und Chaos die Fahndung jahrelang erschwerten.


Chapter 1

Einleitung: Die verdunkelte Stadt

Leonie Jung

Crime Across Europe - willkommen zu einem neuen Fall. Heute führt unsere Recherche nach Deutschland. Wir gehen zurück ins Jahr neunzehnhundertneununddreißig.

Oscar Keppler

Es ist der Beginn des Zweiten Weltkriegs. Berlin liegt nachts in fast völliger Dunkelheit. Die sogenannte Verdunkelung veränderte das gesamte Leben in der Stadt. Kein Lichtschein durfte den feindlichen Bombern den Weg weisen. Die Straßenlaternen waren gelöscht, die Fenster mit schwarzer Pappe verklebt.

Leonie Jung

In dieser unheimlichen Schwärze gab es ein Transportmittel, das die Menschen trotzdem durch die Stadt bringen musste: die S-Bahn. Sie war die Lebensader Berlins. Aber durch die Verdunkelung wurden die Waggons und die schlecht beleuchteten Bahnhöfe zu einem perfekten Schutzraum für jemanden, der Böses im Schilde führte.

Oscar Keppler

Für diese Episode haben wir historische Berichte, Ermittlungsakten, Dokumentationen und moderne Forschung ausgewertet, um den Fall aus heutiger Sicht neu zu bewerten. Wir rekonstruieren eine der unheimlichsten Mordserien der deutschen Kriminalgeschichte, die sich im Schatten der nationalsozialistischen Propaganda abspielte.

Chapter 2

Kapitel 1: Die ersten Schatten auf den Gleisen

Leonie Jung

Alles beginnt im Spätsommer, genauer gesagt im August neunzehnhundertneununddreißig, kurz vor dem offiziellen Kriegsbeginn. Im Osten Berlins, rund um den Bahnhof Friedrichsfelde und die angrenzenden Kleingartenanlagen, häufen sich seltsame und brutale Vorfälle.

Oscar Keppler

Der Modus Operandi war von Anfang an sehr spezifisch. Der Täter suchte sich gezielt alleinreisende Frauen aus. Er lauerte ihnen an den dunklen Fußwegen nahe den Bahnhöfen auf oder sprach sie direkt an. Manchmal stieg er auch zu ihnen in die verdunkelten Abteile der S-Bahn. Er würgte seine Opfer, schlug sie nieder und verging sich an ihnen.

Leonie Jung

Was mich an den Akten besonders fassungslos macht: Viele Opfer berichteten später, dass der Mann eine Uniform trug. Genauer gesagt, die Uniform der Deutschen Reichsbahn. Das gab ihm natürlich ein enormes Vertrauen bei den Frauen. Eine Uniform stand damals für staatliche Autorität und Sicherheit.

Oscar Keppler

Richtig. Und dieses Detail führte dazu, dass viele Frauen anfangs gar keinen Verdacht schöpften, wenn er sich ihnen in der Dunkelheit näherte. Er gab oft vor, Fahrkarten kontrollieren zu wollen oder den Weg durch die Verdunkelung zu weisen. So lockte er sie in abgelegene Bereiche oder griff direkt im fahrenden Zug an. Die Verunsicherung in der Berliner Bevölkerung wuchs von Woche zu Woche, auch wenn die Behörden versuchten, die Vorfälle herunterzuspielen.

Chapter 3

Kapitel 2: Die Eskalation zum Mord

Leonie Jung

Aus den anfänglichen Übergriffen wurde schließlich tödlicher Ernst. Im Oktober neunzehnhundertvierzig erreicht die Gewaltspirale eine neue, schreckliche Stufe. Das erste Todesopfer ist die zweiunddreißigjährige Gertrude Ditter. Sie wird in der Nähe einer S-Bahn-Strecke brutal erschlagen aufgefunden.

Oscar Keppler

Und ab diesem Moment bricht ein regelrechtes Muster durch. Der Täter ging mit einer ungeheuren, fast unvorstellbaren Brutalität vor. Er schlug seine Opfer mit einer Bleirute oder einem eisernen Werkzeug nieder. Einige Frauen warf er sogar aus den fahrenden Zügen der S-Bahn, während diese über Brücken oder an steilen Bahndämmen vorbeifuhren.

Leonie Jung

Wenn man sich diese Dynamik ansieht, drängt sich die Frage auf, was in diesem Mann vorging. Aber hier müssen wir vorsichtig bleiben. Es gibt in den alten Akten viele spätere Zuschreibungen, die von Triebhaftigkeit oder Sadismus sprechen. Aber ohne fundierte psychiatrische Gutachten aus jener Zeit können wir heute keine verlässliche psychologische Diagnose stellen. Was wir jedoch gesichert wissen, ist die geografische Eingrenzung der Taten. Sie konzentrierten sich fast ausschließlich auf den S-Bahn-Ring im Osten Berlins, insbesondere die Strecke zwischen Karlshorst und Rummelsburg.

Oscar Keppler

Genau. Diese geografische Eingrenzung war für die Ermittler der wichtigste Anhaltspunkt. Sie zeigte, dass der Täter sich im S-Bahn-Netz extrem gut auskennen musste. Er wusste genau, wann die Züge langsam fuhren, wo die Strecken schlecht einsehbar waren und wie er nach der Tat unbemerkt im Dunkeln entkommen konnte.

Chapter 4

Kapitel 3: Ermittlungen unter dem Diktat der Propaganda

Leonie Jung

Die Ermittlungen leitete Wilhelm Lüdtke, der Chef der Berliner Mordinspektion. Aber er und seine Beamten standen vor einem massiven Problem, das nicht nur mit der Dunkelheit zu tun hatte. Es war ein politisches Problem. Joseph Goebbels, der Reichspropagandaminister, verbot jede offizielle Berichterstattung über die Morde.

Oscar Keppler

In der nationalsozialistischen Ideologie durfte es so etwas wie einen Serienmörder im deutschen Reich einfach nicht geben. Das passte nicht in das Bild der gesunden Volksgemeinschaft. Außerdem fürchtete das Regime, dass eine Panik die ohnehin angespannte Kriegsmoral der Berliner Bevölkerung schwächen könnte. Die Presse durfte also nicht warnen. Das bedeutete im Umkehrschluss: Der Täter wurde durch die Zensur des Regimes über Monate hinweg faktisch geschützt, weil die Frauen nicht ahnten, wie groß die Gefahr in den S-Bahnen wirklich war.

Leonie Jung

Das ist der Punkt, an dem wir die historische Realität genau betrachten müssen. Die Polizei musste also verdeckt arbeiten. Sie setzten Beamtinnen als Lockvögel in den Zügen ein, überprüften tausende Mitarbeiter der Reichsbahn und kontrollierten die Bahnhöfe. Doch die Arbeit im Dunkeln, ohne die Hilfe der Öffentlichkeit, war extrem ineffizient. Der Druck auf Lüdtke und sein Team war gigantisch.

Oscar Keppler

Ja, die Ermittlungsakten zeigen einen enormen bürokratischen Aufwand. Über achttausend Reichsbahn-Mitarbeiter wurden überprüft. Aber der Verdächtige schlüpfte immer wieder durch das Netz, weil er als fleißiger Arbeiter galt, der tagsüber pflichtbewusst seinen Dienst tat und nachts die S-Bahn für seine Jagd nutzte.

Chapter 5

Kapitel 4: Die Entlarvung im Scheinwerferlicht

Leonie Jung

Der Durchbruch gelingt schließlich im Juli neunzehnhunderteinundvierzig. Am Bahnbetriebswerk Rummelsburg gerät ein Mann ins Visier, der bereits zuvor durch kleinere Delikte und auffälliges Verhalten gegenüber Kolleginnen aufgefallen war: Paul Ogorzow, ein Hilfsweichensteller der Reichsbahn und Mitglied der NSDAP sowie der SA.

Oscar Keppler

Bei seiner Festnahme am zweiten Juli neunzehnhunderteinundvierzig leugnete er zunächst alles. Doch die Ermittler hatten mittlerweile handfeste Beweise gesammelt. In seiner Wohnung und an seinem Arbeitsplatz fanden sie Kleidung mit Blutspuren. Das Verhör war intensiv. Ein besonders makabres Detail der Ermittlungen war, dass die Polizei Ogorzow mit den Schädeln seiner Opfer konfrontierte, um ihn psychologisch zu brechen. Das war eine damals durchaus übliche, wenn auch hochgradig manipulative Verhörmethode.

Leonie Jung

Und diese Methode zeigte Wirkung. Nach tagelangem Leugnen legte Ogorzow schließlich ein umfassendes Geständnis ab. Er gestand acht Morde, sechs Mordversuche und zahlreiche schwere Körperverletzungen. Ab diesem Moment ging alles rasend schnell. Ein langes rechtsstaatliches Verfahren gab es im Nationalsozialismus für solche Fälle nicht mehr, besonders wenn die Taten die öffentliche Ordnung störten.

Oscar Keppler

Das Sondergericht Berlin verurteilte ihn am vierundzwanzigsten Juli neunzehnhunderteinundvierzig nach einer nur kurzen Verhandlung zum Tode. Nur zwei Tage später, am sechsundzwanzigsten Juli, wurde Paul Ogorzow in der Strafanstalt Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet. Das Regime wollte den Fall so schnell wie möglich aus der Welt schaffen und die Akten schließen.

Chapter 6

Kapitel 5: Reassessment: Die Schatten der Ermittler

Leonie Jung

Wenn wir diesen Fall heute, mit dem Abstand von über achtzig Jahren, neu betrachten, geht es nicht nur um die Taten von Paul Ogorzow. Es geht auch um die Menschen, die ihn jagten, und das System, in dem sie agierten. Ein Name sticht dabei besonders hervor: Georg Heuser. Er war damals ein junger, hochaktiver Kriminalkommissar in der Berliner Mordinspektion und maßgeblich an der Aufklärung der S-Bahn-Morde beteiligt.

Oscar Keppler

Heuser wurde nach dem Krieg in der Bundesrepublik Deutschland wieder in den Polizeidienst aufgenommen. Er machte Karriere, stieg bis zum Chef des Landeskriminalamtes in Rheinland-Pfalz auf. Erst Ende der fünfziger Jahre kam die schreckliche Wahrheit ans Licht: Heuser war während des Krieges an Massenmorden der SS in Weißrussland beteiligt gewesen. Er wurde neunzehnhundertzweiundsechzig in einem großen Prozess zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Leonie Jung

Das zeigt das tiefe Dilemma und die historische Ambivalenz dieser Zeit. Auf der einen Seite klärten diese Polizisten einen brutalen Serienmörder auf und schützten damit potenziell weitere Frauen. Auf der anderen Seite waren dieselben Ermittler oft Rädchen im Getriebe eines mörderischen, totalitären Staatsapparats. Die Grenzen zwischen Verbrechensbekämpfung und staatlichem Terror verschwammen völlig.

Oscar Keppler

Genau hier müssen wir mit unseren Schlussfolgerungen vorsichtig bleiben. Die Aufklärung der S-Bahn-Morde war kriminalistisch gesehen eine präzise Arbeit unter extremen Bedingungen. Aber sie darf nicht dazu dienen, die beteiligten Personen oder die Kriminalpolizei des NS-Regimes nachträglich zu romantisieren oder reinzuwaschen. Die historische Realität ist vielschichtig und oft schmerzhaft widersprüchlich. Am Ende bleiben die Opfer – achtzig Frauen, die in der Dunkelheit des Krieges Schutz suchten und stattdessen Gewalt und Tod fanden. Ihr Schicksal mahnt uns, genau hinzusehen, wie Kriminalität und Politik sich gegenseitig beeinflussen.

Leonie Jung

Der Fall Paul Ogorzow. Neu betrachtet und analysiert mit Hilfe moderner KI-gestützter Recherche. Hier bei Crime Across Europe.

Oscar Keppler

Ein autonom produzierter Podcast aus den ALL EARS ON YOU AI Labs.

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